Schlussbemerkungen

Schlussbemerkungen zu den Biographien der Journalistinnen und Journalisten der „Österreichischen Volksstimme“

Die vorliegende Arbeit stellt die individuellen Lebensgeschichten der Journalistinnen und Journalisten der „Österreichischen Volksstimme“ in den Vordergrund und trägt so einen Teil zur österreichischen Journalismusgeschichte bei. Sie hat den Anspruch, das Leben der Redaktionsmitglieder, die im Zeitraum 1945 bis 1956 bei der kommunistischen Parteizeitung tätig gewesen sind, zu untersuchen – egal ob als Chefredakteur, leitende Redakteurin, Leitartikler oder Berufsanfängerin.

Die Mehrzahl der zwischen 1945 und 1956 bei der „Österreichischen Volksstimme“ tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte im Zuge von vielfältigen Widerstandstätigkeiten gegen den Nationalsozialismus gekämpft. Insgesamt hatten sich über 80 Prozent der Redaktionsmitglieder in der Zeit des Zweiten Weltkriegs gegen die Politik des Nationalsozialismus gestellt: durch Widerstandstätigkeiten im In- und Ausland, durch politische Aktivitäten im Exil, durch Einsatz in den alliierten Streitkräften oder durch Widerstandsaktivitäten innerhalb der Wehrmacht. Dieses Kämpfertum ist auch charakteristisch für das KPÖ-Zentralorgan nach 1945: Es konnte sowohl jenen eine Stimme geben, die sonst niemand erhörte, als auch mit all zu viel journalistischer

Kampfeslust laut schreiend über das Ziel hinausschießen. Man verbiss sich einerseits an den politischen Gegnern und sah andererseits erst zu spät ein, dass man durch unkritische Berichterstattung an Glaubwürdigkeit verloren hatte. Zu oft schmälerte die „Volksstimme“ die Wirksamkeit ihres eigenen journalistischen Schaffens, indem sie ihren Leserinnen und Lesern nur ein Entweder–Oder anbot und in ihren Nachrichten eine Welt beschrieb, die ausschließlich schwarz-weiß geprägt war.

Gemacht wurde die Zeitung in erster Linie von jenen, die das NS-Regime im Ausland überlebt und sich dort journalistisch einen Ruf aufgebaut hatten. Knapp zwei Drittel der Redaktionsmitglieder waren zwischen 1934 und 1939 ins Ausland geflüchtet, vor allem nach Großbritannien und in die Sowjetunion. Die Redaktion der „Österreichische Volksstimme“ war in dieser Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, denn Journalistinnen und Journalisten, die aus dem Exil heimkehrten, bildeten zu Beginn der Zweiten Republik eine Minderheit im österreichischen Journalismus. Nach Ende des Krieges versuchten die „Volksstimme“-Redaktionsmitglieder, so schnell wie möglich nach Österreich zurückzukehren um beim Aufbau ihrer (journalistischen) Heimat aktiv mitzuwirken. Dabei war es – im Gegensatz zu anderen österreichischen Tageszeitungen – auch Frauen möglich, leitende Positionen in der KPÖ-Presse zu übernehmen.

 

Insgesamt hatten fast zwei Drittel der Journalistinnen und Journalisten bei Eintritt in die Redaktion bereits journalistische Erfahrung: Diese hatten sie im Exil oder nach 1945 bei anderen kommunistischen Medien gesammelt. Im Kulturressort fanden einige Künstlerinnen und Künstler sowie Autorinnen und Autoren eine Anstellung. Durch die Tätigkeit als Kunstkritikerinnen und -kritiker waren sie finanziell abgesichert und konnten ihrer Beschäftigung als Kunstschaffende weiter nachgehen. Die Lokalredaktion bildete wiederum unter Ressortleiter Siegfried Klausner einige junge Berufsanfänger aus, die später zu den besten der Wiener Lokaljournalisten gehörten. In einem Wettlauf um das eigene Leben war die Mehrheit der Redakteurinnen und Redakteure in der Zeit des austrofaschistischen „Ständestaates“ bzw. des NS-Regimes aus rassistischen und/oder politischen Gründen geflüchtet. Mehr als die Hälfte jener „Volksstimme“-Journalistinnen und Journalisten, die das NS-Regime im Ausland überlebt hatten, war jüdisch bzw. vom NS-Regime zu Jüdinnen und Juden „gemacht“ worden. Damit hatten nach 1945 mehr Redakteurinnen und Redakteure der Wiener Tagespresse eine jüdische Herkunft als bisher angenommen. Ursache für ihre Flucht war nicht nur ihre Verfolgung als Jüdinnen und Juden aufgrund der rassistischen Nürnberger Gesetze; ein zusätzlicher Faktor für ihre Flucht war ihr politisches Engagement.

Sie sahen sich auch als politische Flüchtlinge und kehrten daher nach Österreich zurück. Für die heimgekehrten kommunistischen Journalistinnen und Journalisten war die Sowjetunion der wichtigste und entschlossenste Gegner des Nationalsozialismus. Diese Überzeugung bestimmte ihr weiteres Leben und ihre journalistische Arbeit. Sie kehrten nach Österreich zurück, um nicht nur das eigene Leben, sondern auch den österreichischen Nachkriegsjournalismus aufzubauen. Die KPÖ hatte den vehementesten Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet, nach 1945 hielt man ihr daher auch weiterhin die Treue – umso mehr als man in den Wirrungen des Kalten Krieges ins Abseits gestellt wurde. Jahre nach der Rückkehr nach Österreich bekam das sowjetische Idealbild Risse, doch erste Zweifel wurden zunächst bei Seite geschoben. Mit den Jahren und Ereignissen geriet der Glaube an die Richtigkeit der Parteilinie schließlich bei vielen ins Wanken, manche haderten innerlich, andere zogen Konsequenzen und kehrten der Zeitung und der Partei den Rücken – blieben aber in vielen Fällen ihrer Überzeugung als Kommunistin bzw. Kommunist treu. Mindestens 27 Prozent der zwischen 1945 und 1956 bei der „Österreichischen Volksstimme“ tätigen Journalistinnen und Journalisten haben im Laufe ihres Berufsweges aufgrund eindeutiger parteiinterner Differenzen die Kommunistische Partei verlassen. Die Jahre 1968 bis 1970 wären für eine weiterführende Untersuchung der „Volksstimme“-Redaktion überaus interessant – etwa ein Dutzend der Journalistinnen und Journalisten soll in jenen Jahren mit der KPÖ und ihrem Zentralorgan gebrochen haben.

Für Lenin war die Zeitung „nicht nur kollektiver Propagandist und ein kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator“.[1] Dieser vielzitierte Ausspruch aus seiner 1902 entstandenen Schrift „Was tun?“ definiert die Presse als wesentliches Teilstück eines politischen Bauplanes. Die kommunistische Parteipresse wurde – in manchen Ländern mehr, in anderen Ländern weniger – zu einem Werkzeug der Massenpropaganda und die Ausübung des Journalistenberufes zu einer politischen Tätigkeit. Die hier skizzierten Einzelbiographien zeigen in vielen Fällen, wie die österreichischen kommunistischen Journalistinnen und Journalisten mit der Kluft zwischen persönlicher Wirklichkeit und produzierter Realität umgingen und wie man sich damit arrangierte, jede Frage nicht von seinem persönlichen Standpunkt, sondern vom Standpunkt der Partei aus zu betrachten.

Die vorliegende Arbeit hat Gemeinsamkeiten dieser Lebensgeschichten herausgearbeitet und gleichzeitig deutlich gemacht, dass es für die KPÖ-Presse keine kennzeichnende Journalistenbiographie gibt: Es waren erfahrene und unerfahrene, parteitreue und von der Partei enttäuschte Journalistinnen und Journalisten, die in unterschiedlichen Ländern im Exil gelebt oder auch als freie Berichterstatter ihr Geld bei nationalsozialistischen Medien im Dritten Reich verdient hatten. Sie waren Universitätsprofessoren, Künstlerinnen und Künstler oder Arbeiterinnen und Arbeiter. Manche waren bereits in den 1930er Jahren als Journalistinnen und Journalisten tätig gewesen, andere erlernten das journalistische Handwerk erst nach 1945. Einige waren bereits seit den 1920er Jahren Mitglied der KPÖ, andere traten der Partei erst nach Ende der NS-Herrschaft bei. Sie waren Schülerinnen und Schüler oder Soldaten, Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, Gefangene oder Vertriebene. Frauen und Männer, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren oder das Glück hatten, vom Unrecht verschont zu bleiben. Es waren einzelne Journalistinnen und Journalisten, die persönliches Unrecht und Verlust erlitten haben, so wie es auch einzelne Journalistinnen und Journalisten waren, die sich immer wieder neu dem System anpassten.

Die Diversität der Lebensgeschichten macht deutlich, dass es die eine, beispielgebende und charakteristische Biographie für eine Journalistin oder einen Journalisten der kommunistischen Parteipresse in Österreich nach 1945 nicht geben kann. Es handelt sich um Journalistengeschichten mit verschiedenen Umwegen, Auswegen und Sackgassen, um Menschen verschiedenster Herkunft, verschiedenen Alters, mit unterschiedlichen Erfahrungen, aber ähnlichen politischen Vorstellungen und Idealen, die sie auch täglich in ihrem Beruf als Redakteurin und Redakteur vertraten.

Die Auseinandersetzung mit den Biographien der Journalistinnen und Journalisten zeigt, wie facettenreich die Lebensgeschichte einer KP-Parteijournalistin bzw. eines KPÖ-Parteijournalisten nach 1945 sein konnte, aber auch, welche Aspekte sich in den verschiedenen Lebensgeschichten aufgrund der politischen und medienpolitischen Situation immer wieder finden lassen. Ein Faktor ist ihnen allen schließlich doch gemeinsam: die Zerrissenheit ihrer Lebensgeschichten. Diese kann als immanentes Muster ihrer Biographien bezeichnet werden.

[1] Wladimir Iljitsch Lenin, Was tun? Hamburg 2010 (Erstauflage 1902), 202.

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